Albtraum

Jemand schreit „Halt!“ und merkt, dass er ihn sucht. Aber alles steht auf einmal still. Der Vogel in der Luft hängt am Himmel, als würde er ausgestopft von einer Decke baumeln. Die Ampel scheint im ewigen Grün. Das Kind, das hinfallen sollte, bleibt auf halbem Wege liegen, der Stift des Polizisten berührt immer noch die gleiche Stelle auf dem Protokoll und aus irgendeinem Radio ertönt noch immer der zweite Piep des Jingles für die Verkehrsnachrichten. Jeder Ton schwebt durch die Luft, wie er klang bei dem „Halt!“ des Jemand. Das Dröhnen des Flugzeugs, das „i“ von „Hilfe“ von irgendwo, zwei Straßen weiter. Ein dauerndes Hupen, Lachen, Schreien von eben noch quietschenden Reifen. Der dritte Schlag der Kirchturmuhr hallt immer noch, es ist vielleicht fünf Uhr. Jemand, der dir bekannt und fremd ist, steigt aus dem offenen Verdeck seines Wagens, da die Tür sich nicht öffnen lässt. Du gehst durch die starren Straßen dieser Stadt, an starren Menschen vorbei und hörst das starre Konzert. Die Lippen, die eben noch voll Erwartung den Kaffee berührt haben, sind längst verbrannt. Du siehst eine Frau, die zum Schlag ausholt, weil ihr Kind vor Schmerz schreit. Der Bohrer des Zahnarztes schrillt noch immer im Ohr des Patienten und der Bauarbeiter scheint mit gelassener Leichtigkeit den Presslufthammer in der Hand zu halten. Nur der Rentner auf der Bank liest unberührt weiter in seiner Zeitung. Und während du dir eine Zigarette ansteckst, hört der Lärm auf einmal auf. Stille. Nichts. Weit aus der Ferne heraus trägt der Wind ein marschierendes Geräusch zu dir, begleitet von dem Knarren schwerer Ketten auf Asphalt. Sonst ist nichts, rein gar nichts zu hören, als ob jemand einen Knopf gedrückt und den Sound abgestellt hätte, bis auf dieses Knarren. Dich befällt eine leise Vorahnung von Panzern und Soldaten, doch was du kurz darauf zu sehen bekommst ist diese Wahnsinnshorde gehörnter Männer mit riesigen Armen und Oberkörpern und Köpfen wie Wölfe, mit blutunterlaufenen Augen und geifernden Kiefern, dazu leichtfüßig wie ein Puma. Du schmeckst den Geruch, der in der Luft liegt, aus Blut, Schweiß und Angst. Und diese bestialische Horde bewegt sich auf dich zu, und du weißt, sie suchen dich, nur dich wollen sie haben, warum auch immer. Die ersten erscheinen in deinem Blickwinkel und du erstarrst, aus Angst und Vorsicht und Feigheit, denn unter lauter starren Menschen fällst du nicht auf und so finden sie dich vielleicht, vielleicht nicht. Doch die Horde schießt auf jeden, der sich nicht bewegt, und sobald das heiße Geschoß in den Körper jedes einzelnen wie in Zeitlupe dringt, erwacht dieser zu kurzem Leben, um den brennenden Schmerz zu spüren und zu sterben. Auch dich wird sie treffen, du fühlst die Kugel schon, die den Weg durch deine Eingeweide sucht, und wenn du dann ausgeblutet auf dem Pflaster liegst, kann keiner mehr den Spuk beenden und es wird nur noch diese Horde geben. Du schreist „Weiter!“ und plötzlich bewegen sich die Leute wieder, bis auf die Toten. Nur das noch immer kein Geräusch zu hören ist, kein Ton, außer denen der Bestien. Alle sehen die Horde, die Leichen und dich und alles bricht in eine stumme Panik aus. Nur du, du kannst dich aus deiner Starre nicht lösen, bleibst stehen, weißt, dass du jetzt erst recht auffällst, kannst nichts tun, siehst nur, wie einer aus der Horde dich erblickt, lächelt, wie einer, der eine Fliege im Wasserglas gefangen hält, und sie kommen auf dich zu, leffzend stehen sie vor dir und einer zieht sein Messer, groß wie ein Ellbogen mit Zähnen wie von einem Hai ausgestattet, du siehst Blut, verwester Geruch steigt dir in die Nase als er sein Maul öffnet, nur um „Du“ zu sagen und du spürst, wie deine Eingeweide nachgeben, wie jeder Zahn sich in deinem Körper breit macht, dir wird schwarz vor Augen…

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Letzte Ausfahrt: Kuschelrock

gerade wieder gefunden 😉

Inhaltsangabe

Im Himmel ist der Teufel los. Zum einen liegt das an der himmlisch chaotischen Verwaltung des Ganzen, bei der selbst der Boss mal den Überblick verlieren kann. Zum anderen an einer wilden Schar von Musikern, die den weltlichen Teil ihres Seins einfach hinter sich haben. Doch mit Hilfe des Erzengels Scharamiel haben sie sich eine kleine Enklave im Himmel geschaffen, wo sie auch nach ihrem Tod ihren Rock´n´Roll-Leidenschaften frönen können.

Und eigentlich ist beim Great Gig in the Sky, der romantisierten Vorstellung vom Rock´n´Roll-Himmel – also, wie gesagt: eigentlich ist dort alles in Ordnung. Schließlich haben die Musiker nicht nur ein bis ins Feinste ausgestattetes Studio zur Verfügung. Doch dann stellt Elvis fest, dass musikmäßig auf Erden alles ziemlich aus dem Ruder läuft. Zwar nicht mit Gottes, aber dafür mit des Erzengels Hilfe wird John Lennon zurück auf die Erde geschickt, um dort den Rock´n´Roll zu retten. Dummerweise läuft bei der Transformation was schief, und Lennon wird als Hund wiedergeboren. Als Briard übrigens.

Doch der ist zum Glück nicht alleine. Auf Erden helfen ein lethargischer Musikjournalist, sein musikbesessener Kumpel und eine ziemlich pfiffige Hundeliebhaberin. Und im Himmel sind die Helden vergangener Tage auch nicht untätig: Jimi Hendrix, Frank Zappa, Buddy Holly oder Janis Joplin helfen dem ganzen Unternehmen auf die Sprünge. Kurt Cobain ist auch mit von der Partie, reagiert aber meistens ziemlich kopflos.

Nicht zu vergessen Golgatha, der sprechende Super-Computer des Erzengels, der seinen Besitzer immer wieder auf´s Neue mit seinen Kapriolen überrascht. Und selbst der Teufel hat Stress – schließlich droht seine Jahrzehnte alte Rock-Verschwörung aufzufliegen, bei der auch der Chef des Himmels seine Finger nicht ganz unwesentlich im Spiel hatte. Aber darüber redet der natürlich nicht gerne.

John Lennon hat als Hund natürlich seine Probleme, sich in seinem vierbeinigen Dasein zu Recht zu finden. So ein Hundeleben will schließlich auch gelernt sein. Und eigentlich hat er sich auf die ganze Aktion nur eingelassen, weil es ihm im Himmel einfach zu langweilig war und er – mal wieder – nur die Hälfte mitbekommen hatte. Doch schlussendlich wird – wenigstens für ihn – alles wieder gut. Und er trifft Yoko wieder.

„Letzte Ausfahrt: Kuschelrock“ ist ein leidenschaftliches Pamphlet für die Liebe zur Musik. Und die Liebe zum Leben – wenn man entspannt genug ist, an der Unmöglichkeit des Ganzen seinen Spaß zu haben. Der Roman ist chauvinistisch, romantisch, blasphemisch, rebellisch, ehrlich, verkatert, schwärmerisch und stellt völlig fiktional Fakten auf den Kopf. Ach ja, ein bisschen Sex gibt´s auch. Kurz: „Letzte Ausfahrt: Kuschelrock“ ist Rock´n´Roll pur! Nur eben auf Papier.